Google ist eine wandelnde Beta-Version, die nie vollkommen ist und die das den Kunden auch gar nicht vorspielen will. Es gibt bei Google keine pompösen Einführungen neuer Produkte (Alpha-Launches). Statt dessen stellt Google die „Rohlinge” der eigenen Produktentwicklung ins Netz und sammelt gezielt und öffentlich Kritik von mehr oder minder ausgewählten Usern ein (Beta-Launch). Unfertig, Kritik… der Alptraum des klassischen Marketings. Trotzdem rollt Google mit vielen neuen Anwendungen die Märkte von etablierten Platzhirschen wie Microsoft auf. Dafür gibt es gute Gründe.
Im Prinzip verläuft der Entwicklungsprozess von der ersten Ideenskizze bis zur Marktreife eines Produktes bei Alpha- und Beta-Launches gleich, aber die Prioritäten unterscheiden sich grundsätzlich (siehe Skizze unten). Bei Alpha-Launches werden Produkte von der ersten Idee bis zum Markt-Launch von Experten entwickelt und bei Marktreife auf die Kunden losgelassen. Bei Beta-Launches werden zunächst die Kunden auf die den Rohling der Idee losgelassen. Sie sind die eigentlichen „Experten”, die das entscheidende Feedback abgeben. Über interaktive Schnittstellen, Votings, Foren und Feedbacksysteme geben User Produkteindrücke an die Entwicklungsabteilung weiter. Deren Aufgabe ist es dann, aus den interpretierten Nutzermeinungen Produkteigenschaften zu machen. Der Launch ist dann nur ein weiterer Schritt in einer kontinuierlichen Entwicklungskette. Bei Alpha-Launches ist es manchmal geradezu umgekehrt: Die Produkte entfernen sich während des Entwicklungsprozesses immer weiter von den Kunden. Opulente Launch-Events und Marketing-Kampagnen müssen dann am Tag X die verlorene Nähe zwischen Produkt und Kunde wieder herstellen. Die Nutzermeinung soll über eine Marketing-Offensive den Produkteigenschaften angepasst werden. Hier liegt das große Risiko des Verfahrens: Das entscheidende Feedback vom Kunden erfolgt nach dem Produkt-Launch. Das Produkt kommt an oder floppt. Bei Produktfehlern oder -schwächen nach einem Produkt-Launch ist die Kritik umso heftiger, weil Kunden bezahlt und eine Alpha-Erwartung aufgebaut haben.
Ein Beta-Launch ist eine permanente Synchronisation zwischen Kunde und Produkt. Ein völliger Flop erscheint hier fast ausgeschlossen. Außerdem arbeitet die Beta-Phase als eine Art Pre-Marketing, bei der wichtige Usergruppen bereits für ein Produkt gewonnen werden können. Auch dieser Prozess hat seine Tücken, produziert Spam und Redundanz und lässt sich für Unternehmen schwerer in bare Münze umwandeln. Aber es ist immer noch billiger, eine Fehlentwicklung vor der Markteinführung einzustampfen, als hinterher. Es ist also kein Zufall, dass auch Microsoft sein neues Windows-Paket zunächst als Beta-Version einführt. Diese Erkenntnis ist eigentlich zu schade, um nur auf die IT- und Internet-Branche beschränkt zu bleiben.
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Grenzgänge zwischen Social Media und Unternehmen,
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