Investor Relations sind das Gegenteil von Social Media, so scheint es. Jeder Disclaimer unter einer ad hoc Mitteilung liest sich wie ein Stoppschild für das Web 2.0: In die Zukunft gerichtete Statements und Phantasien werden von vornherein ausgeschlossen und geistiges Eigentum wird nicht geteilt, sondern geschützt wie eine Schrebergartenrose. Eine genetische Unvereinbarkeit zwischen dem sozialen Internet und der Finanzwelt? Es gibt gute Gründe dafür und dagegen. Eine kurze Analyse dazu:
Social vs ad hoc Media: ein Test
Ein kleiner “Laborversuch” zur Tauglichkeit von Social Media für die Finanzkommunikation, den ich Mario Hose, Vorstand der deutschen Apaton Capital AG verdanke. Die Tochtergesellschaft Apaton Media GmbH hat ihren Kunden neben den bewährten SMS- und E-Mail-Informationen von www.investor-sms.de einen innovativen Twitter-Ticker zu ad hoc Mitteilungen angeboten: Abonnenten konnten den selben Content über klassische Kanäle und alternativ per Follow und Link-Tweet über ihren Twitter-Account beziehen. Das Urteil der Abonnenten-Community fiel eindeutig aus: Die über tausend Updates wurden über die klassischen Medien intensiv genutzt, während die Twitter-Dienste nur Zugriffe im Promille-Bereich verzeichneten.
Natürlich hat unser Vergleich zahlreiche Unschärfefaktoren und Interpretationsmöglichkeiten, die wir jetzt hier einmal bei Seite lassen und die Funktionalität beider Systeme vergleichen:
Klassische Medien wie Börsenticker und Kursmeldungen liefern ein Kondensat zielgenau ausgewählter Informationen, die den Empfänger mit maximaler Geschwindigkeit und minimaler Redundanz erreichen sollen. Speed and Content is King. Das heißt, die fein zugeschnittenen Informationsfilter der Apaton-Tickermeldungen, die nur die persönlich relevanten Informationssplitter durchlassen, sind entscheidend für deren Erfolg. Genau über diese Qualitätsmechanismen verfügen Dienste wie Twitter nicht und sind damit als Kanal für die ad hoc Publikation nicht geeignet. Müssen sie aber auch nicht, denn die Stärken sozialer Medien liegen in anderen Bereichen:
Die Social Media Nische: Transparenz, Interpretation und Meinung
Social Media setzen da an, wo die Finanzkommunikation klassischer Prägung aufhört: Bei der „sozialen Verarbeitung“ der nackten Börsen-News, der Interpretation und Meinungsbildung ÜBER veröffentlichte Zahlen und Statements. So hat beispielsweise Dell mit DellShares ein interaktives Blog als personalisierte Schnittstelle zwischen der IR-Abteilung und den Aktionären geschaffen, auf der das Kleingedruckte der offiziellen Finanzkommunikation im direkten Dialog behandelt wird. Intel will diesem Beispiel mit einer interaktiven Web-Anbindung von Hauptversammlungen folgen. Auch in der klassischen Expertendomäne der Finanzberatung entwickeln sich neue Ansätze. Die Community Sharewise setzt auf ein Bewertungsverfahren, bei dem User die Qualität von Aktientipps bewerten – und Berater eine Reputation aufbauen, die eben nicht auf einer nicht nachprüfbaren Unabhängigkeitsbehauptung, sondern auf der sichtbaren Glaubwürdigkeit unter den Usern beruht. Ein ähnliches Qualifizierungsverfahren durch die User dürften mittelfristig auch die relevanten Finanzblogs erfahren, denn Plattformen wie Sharewise zeigen, dass ein Markt für transparente Information und professionelle Interpretation von Börsenlatein gegeben ist.
Die Möglichkeiten des Social Web in der Finanzkommunikation sind meines Wissens noch gar nicht intensiver diskutiert, geschweige denn probiert worden. Deshalb statt eines Fazits ein Zwischenstand: Social Media und Finanzkommunikation sind zwei verschiedene Medienwelten, die sich gegenseitig nicht ersetzen, aber intelligent ergänzen können. Innerhalb der Disclaimer-Grenzen machen Blogs, Twitter und Co. auch gar keinen Sinn, weil sie ihr besonderes Potenzial gar nicht entfalten könnten: Als soziales Umfeld der regulierten Börsen-Hemisphäre.
Wer mehr zu Börsenfragen wissen will, der folge einfach der U.S.-Börsenaufsicht, die bei aller Strenge gegen Social Media inzwischen selbst auf Twitter ist.
Ergänzende Quellen:
http://www.briansolis.com/2009/05/in-social-media-sec-protects-investors.html














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Guter Post – eine Ergänzung: Blogs /& Co haben schon jetzt Auswirkungen auf die Börse – nur eben nicht positiv
https://www.yigg.de/toolbar/wirtschaft/alte-meldung-neu-im-netz-boersenkurs-von-ual-bricht-ein
@netzhäkchen: Danke dafür. Der Fall ist mir bekannt. Solche “Risiko-Fälle” dominieren die Debatte – siehe auch einen Techcrunch-Post von Brian Solis letzte Woche – deshalb fand ich es gerade reizvoll, auf die Chancenseite zu verweisen.
Spannendes Thema. Ich denke, hiermit triffst Du es auf den Punkt: Social Media setzen da an, wo die Finanzkommunikation klassischer Prägung aufhört: Bei der „sozialen Verarbeitung“ der nackten Börsen-News, der Interpretation und Meinungsbildung ÜBER veröffentlichte Zahlen und Statement.
Gerade auf Twitter sieht man, dass viele Nutzer noch nicht gut mit den Möglichkeiten von Social Media umgehen können: beispielsweise finden reine RSS-Feed gespeiste Twitter Accounts nur wenige Follower: Twitter ist demnach keine Alternative zum RSS-Feed oder dem email-newsletter.
Das “Social” in Social Media ist der wichtigere Wortbestandteil. Und was spielt im Finanzbereich die wichtigste Rolle? Das Vertrauen (war es nicht so
? Social Media und Finanzkommunikation unvereinbar? Nein – im Gegenteil. Wirksame Finanzkommunikation wird zukünftig nicht ohne den Einbezug des “Social” auskommen.
Als Nachtrag ein Tipp von Michael Reuter zu Vodcasts im Finanzsektor:
http://turi-2.blog.de/2009/05/18/interview2-hermann-josef-tenhagen-finanztest-6133713/
Wie gerufen flattert heute zum Thema herein.
Hallo Florian,
ein sehr gelungener Artikel. Ich denke hier wird in Zukunft noch viel passieren. Alle Unternehmen haben in den letzten 4 Jahren Ihre IR Seite auf Vordermann gebracht. Themen wie Blogs, Video und auch aktive Kommunikation mit den Aktionären hat bisher noch nicht stattgefunden.
Ein positives Beispiel in Deutschland ist die Fidor AG, die versucht über alle oben genannten Kanäle zu kommunizieren. http://blog.fidor.de/
Auch die Alstria (S-DAX) hat mich mit einem Blog positiv überrascht.
http://alstria.blogspot.com/
Beste Grüße
Nico
@nicolas plögert: Danke. Das sind heute noch Ausnahmen, die aber langfristig einen Trend bestätigen. Der Reputationsaspekt bei Sharewise würde mich auch interssieren.