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Kommunalpolitik2.0: Städte als Communities

by Florian Semle on Juli 9, 2009

Kommunen könnten Communities sein: Manche sind es sogar. Kommunalpolitisch gesehen sind viele ein passives Wohn- und-Schlaf-Schicksal, in dem Partizipation sich gerade mal auf Gremien und Wahltage beschränkt. Einerseits. Anderseits sprießen überall auf der Welt intelligente Pilotprojekte zur Stadtpolitik2.0, in denen Amt und Bürger gemeinsam neue Wege gehen. Eine Linkreise zu interessanten kommunalpolitischen Ansätzen und solchen, die es werden könnten:

Kommunales Crowdsourcing: Stadt-WIKIs als Ideenplattformen
Für Stadtverwalter hat München zwei Millionen Einwohner. Das sind 2 Millionen potenzielle Ideengeber für Stadtpolitik und Verwaltung, die vom üblichen städtischen Polit-Mechanismus weitgehend ignoriert werden. Transparenz ist in erster Linie eine Holschuld der Bürger und keine Bringschuld der Politik. Das kanadische PolicyWIKI geht den umgekehrten Weg. Hier entwickelt die Bürger-Community eigene Ideen, diskutiert und bündelt sie über Abstimmungen zu programmatischen Vorschlägen. Eine Art digitales Parlament ohne Politiker.
In Irland entwickelt die Initiative IdeasCampaign eine finanzpolitische Agenda aus Community-Beiträgen. Viele dieser Vorschläge thematisieren Konzepte für Kleinunternehmen und ökonomische Nischenbereiche, also den blinden Fleck der konzernorientierten staatlichen bzw. städtischen Wirtschaftspolitik.
Das Prinzip dieser Ansätze ist immer dasselbe: Die Vielfalt und Selektionsfähigkeit einer großen Community wird zur Quelle  neuer Ideen und Konzepte. Viele kommunalpolitische Aufgaben ließen sich mit diesem Prinzip besser lösen, zum Beispiel über ein Stadt-WIKI.

Kollaborative Stadtplanung: London lässt die Bürger planen
Das wichtigste Medium des derzeitigen Stadtplanungs-Dialoges scheint das Formular zu sein und das wichtigste Forum die Bürgeranhörung, mit der in der Regel weitere Formulare produziert werden. Durch die Mitwirkung der “Betroffenen” an der Stadt ihrer Zukunft könnten die konkreten Lebensbezüge, die Kiez-Details, die kein Reißbrett darstellen kann, viel besser integriert werden. London geht diesen Weg und lässt Bürger über die Zukunft der stadteigenen Grünflächen selbst entscheiden. Grünflächen sollen nach Auffassung der Initiatoren “Offene Räume der Begegnung sein”  – Orte der Gemeinschaft, die niemand besser bestimmen kann als die Gemeinschaft selbst.

Die Do-it-yourself-Behörde
Verkrustete Strukturen zu verändern ist relativ einfach. Vorausgesetzt, sie sind digital und verfügen über eine offene API-Schnittstelle. Die ist für Netzwerke wie Twitter, Facebook, digg oder YiGG  längst Alltag undn eine sprudelnde Quelle guter Ideen zur Vereinfachung Was für diese Unternehmen Alltag ist, klingt für deutsche Ämter wie eine kühne Vision, obwohl die Technik heute schon frei verfügbar ist. Dabei kommt gerade Ämtern die Psyche der Netzgemeinde zu Gute: Wer zieht schon gerne Nummern, wenn er sich das ganze Verfahren mit selbst gebauten Applikationen sparen kann. In Washington DC spart die Entwickler-Community Apps for Democracy der Stadt mehr Zeit und Geld, als jede städtische Initiative und produziert eine Fülle intelligenter Applikationen für die Stadtpolitik, vom Service-Dialog mit der Stadtverwaltung, über die Radwegeplanung bis hin zur kollaborativen Datenverwaltung. Mein persönlicher Favorit für neue, user-generierte Prozesse wäre der Bereich Existenzgründung des Münchner Arbeitsamts, dem ich eine hochaktive, professionelle Community gut ausgebildeter Programmierer garantieren kann, wenn die Schnittstelle mal eingerichtet wäre.

Die Kommunalpolitik2.0 steckt noch im Experimentierstadium. Macht aber nichts, denn Demokratie ist selbst ein Experiment auf Zeit zwischen Wählern und Regierung. Das demokratische Experiment scheint derzeit gewisse Ermüdungserscheinungen zu entwickeln. Zumindest die repräsentative, parteifokussierte Variante produziert wachsende Politikverdrossenheit. Das könnte daran liegen, dass diese Variante mal abgesehen vom Wahltag weitgehend ohne Volk, bzw. User auskommt. Und das könnte man mit mit wohldosierter digitaler Offenheit ändern.

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Webnews.de
07.10.09 at 7:45
Kommunalpolitik 2.0: Städte… | Community Management Blog
07.10.09 at 10:33

{ 8 comments… read them below or add one }

MichaelS 07.09.09 at 12:23

Sehr geehrter Herr Semle,
was Sie da schreiben, ist ja sehr interessant und sicher lobenswert. Aber die Darstellung der Standverwaltung, insbes. der der Stadt Münchens, erscheint mir doch etwas verkürzt dargestellt. Sie sollten auch erwähnen, dass unsere Stadtverwaltung in Vergleichen mit anderen Kommunen immer sehr gut abschneidet und keineswegs als “bürokratisch” gelten kann.

Arno Abler 07.10.09 at 1:11

Sehr geehrter Herr Semle,

ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um unser innovatives Kommunal- und Regionalportal http://www.vivomondo.com zu erwähnen. Es bündelt die Interessen und Anforderungen der Stakeholder einer Gemeinde (Politik, Verwaltung, Vereine, Wirtschaft, Bürger) und vernetzt diese über die Gemeindegrenzen hinweg. Überregionaler Veranstaltungskalender, lokale Wirtschaftsplattform, kommunales Wiki, Vereinsplattform, e-Government, Bürgeranliegen und vieles mehr führt mit vivomondo zur Gemeinde 2.0.

Herzliche Grüße aus Wörgl in Tirol
Arno Abler
Bürgermeister der Stadt Wörgl

Florian Semle 07.10.09 at 2:06

Hallo @MichaelS,

ich habe die Stadtverwaltung Münchens zur illustration heraus gegriffen, weil ich selbst Münchner bin – damit ist keine Wertung verbunden.
Es freut mich, dass ich hier offensichtlich eine Zielgruppe für den Artikel erreicht habe. Sollte es in der Stadtverwaltung Überlegungen in Richtung 2.0 geben, würde ich sehr gerne an den Diskussionen teilnehmen.

Florian Semle 07.10.09 at 2:13

Hallo Herr Abler,

vielen Dank für diesen interessanten Tipp und Gratulation. Ihre Plattform bringt wirklich viele neue Aspekte mit, z.B. die Vernetzung mit den Anrainergemeinden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass damit auch viele Synergien möglich sind. Sicher eine interessante Perspektive für die Zukunft, insbes. auch im ländlichen Raum. Grüße nach Wörgl.

Katja 09.07.09 at 8:18

Hallo,
ich sehe das anders: Meines Erachtens ist Transparenz und auch Bürgerbeteiligung keine Holschuld der Bürger, sondern eine Bringschuld der Kommunen und der Kommunalpolitik.
Paradoxerweise bestehen oft schon recht gute Online-Informationssysteme für die Ratspolitiker (für Vorlagen, etc.), die aber entweder gar nicht öffentlich verlinkt werden oder aber nur als RATSinformationssystem ausgewiesen werden. Dabei könnten sich hier auch die Bürger hervorragend informieren.
Wenn man diese Infosysteme einschl. der Vorlagen noch einfacher gestalten und auf den Bürger als Anwender fokussieren würde, wäre hier ein gutes Stück Transparenz erreicht. Dann wäre es auch keiner weiter Schritt mehr dahin, in diese Online-Ratsvorlagen auch Kommentarfunktionen oder noch besser Beteiligungsfunktionen für Bürger einzubauen…
Übrigens müssen wir nicht immer ins Ausland schauen, es gibt auch bei uns bereits interessante Projekte der Bürgerbeteiligung. Ich denke da z.B. an oder an den .

Katja 09.07.09 at 8:20

Ups. Gemeint war:
Ich denke da z.B. an
oder an den
.

Katja 09.07.09 at 8:34

Sorry, ich krieg es mit den Links nicht hin. Hier nochmal ohne Verlinkung:

Ich denke da z.B. an das Forum zur Kommunalverwaltung: http://www.kommunalforum.de/ oder an den Kölner Bürgerhaushalt: https://buergerhaushalt.stadt-koeln.de/.

Florian Semle 09.09.09 at 10:24

Hallo Katja – vielen Dank für die interessanten Hinweise und Links. Wenn es gute Beispiele hierzulande gibt – sehr gut, sehr gern.

#Hol- und Bringschuld: ich meine, der Post drückt das in Deinem Sinne aus: Der Staat sollte den Bürgen neben Ressourcen wie Daten, Genehmigungen etc. auch z.B. Transparenz bereit stellen – wovon wir in der Praxis weit entfernt sind – der Kommentator aus der Münchner Stadtverwaltung möge mir verzeihen…

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