Sich-Nicht-Verstehen entsteht immer auf zwei Seiten. Meistens wirbeln die Botschaften aneinander vorbei, weil irgendwelche gedankliche Scheuklappen den korrekten Empfang verhindern. Ein gutes Beispiel dafür ist die Aneinander-Vorbei-Diskussion, die Wirtschaftsgrößen und Social Web Bewohner so gerne zelebrieren. Dirk Elsner vom Blicklog, Deutschlands mindestens bestem Wirtschafts-Blog, und ich nehmen uns in einem Zwillingsblog-Beitrag dieser Scheuklappen an und beleuchten quasi die beiden Kehrseiten der Medaille.
Mein Part ist die kleine Sinustypologie der digitalen Netzbewohner und der bei ihnen versammelten Scheuklappen. Dirk kümmert sich um die Nadelstreifenklientel in seinem Zwillingsbeitrag und heraus kommt idealer Weise eine Debatte, Kontroverse, ein Brückenschlag oder sonst was Energetisches.
Digitale Währung: Zahlbar in persönlichen Eigenschaften
Wenn Währung das ist, was zählt, dann ist die Währung der digitalen Gesellschaft „Reputation“. In Reputation fließen alle wichtigen „Kennzahlen“ der Netzgemeinde zusammen: Relevanz, Glaubwürdigkeit, Persönlichkeit, Vernetzung, Expertise und Innovativität. Diese Währung kann man nicht einfach selbst erzeugen. Sie wird einem als Feedback, Trackback, Following, Freundsein etc. von der geneigten Netzgemeinde verliehen. Die Währung des Social Web ist also wirklich sozial und mir scheint, hier liegt ein gravierender Unterschied zur Wirtschaftswelt. Deren Währung ist auf den ersten Blick „Erfolg“, also die Kunst, mit dem eigenen Schaffen einen geldwerten Vorteil zu erzeugen. Klingt irgendwie realer, handfester, entlarvt sich aber auf den zweiten Blick: Es reicht häufig, das Image des Erfolges zu haben. Im Unterschied zur Reputation ist Image ein Persönlichkeitsabbild, das gezielt erzeugt werden kann. Ganze Denkfabriken beschäftigen sich mit der Imagewerdung gewünschter Eigenschaften. Auch dieses Image muss einen Glaubwürdigkeitstest bestehen, der aber bei weitem nicht so sozial, transparent und plebiszitär ist, wie das lebendige Netzwerk eines Bloggers oder Social Media Nerds. Das Netzwerk ist eine permanent mitlaufende Reputationsanalyse und als solche eindeutig authentischer als die Spekulationsgröße „Image“. Die Social-Medialen vermitteln sich also via Reputation und folgen deren Gesetzmäßigkeiten – Ökonomen frönen dem Erfolg oder dem Image davon. Missverstehen zwischen beiden Seiten ist hier ziemlich wahrscheinlich.
Digitale Codes als Identitätsstifter
Sprache, oder besser Kommunikation ist so was wie die Blutbahn des Social Web. „Ich kommuniziere also bin ich“ könnte das Credo des digitalen Individuums sein, denn die digitale Persönlichkeit setzt sich aus eigener und fremder Kommunikation zusammen. Deshalb stehen digitale Persönlichkeiten unter einem immensen Kommunikationsdruck. Neben Inhalten muss Masse und Frequenz erzeugt werden, um z.B. für RSS-Feeds oder Twitter-Follower interessant zu bleiben. Dieser Kommunikationsdruck verändert auch die Kommunikation selbst: Kürze und Einfachheit wird zu einem entscheidenden Kriterium, weil nur Kurzes massenhaft verwertet werden kann. Ich kann diese würzige Kürze wirklich genießen, weil ich so die Möglichkeit habe, viel Information selektiv zu nutzen. Andererseits können langfristige, tiefer gehende Botschaften nicht immer in dieses Kurz-Würz-Schema gepresst werden und fallen notfalls raus. Viele wirtschaftsrelevante Informationen würden durch Verkürzung sehr gewinnen, aber eben nicht alle. An dieser kommunikativen Schnittstelle passen die digitale und die Wirtschaftswelt nicht unbedingt zusammen.
Jargonisierung: Nerdisch für Anfänger
Sprache ist naturgemäß das ideale Medium des Nichtverstehens und dazu auch noch hochgradig subtil. Man kann die gleiche Sprache sprechen und trotzdem in ein- und demselben Gespräch zu völlig unterschiedlichen Bedeutungen kommen. Wittgenstein lasse ich hier mal aus (wer weiß schon, was der bedeuten wollte). Die Social-Web-Sprache kürzt alles auf minimale Zeichensätze runter. Sätze werden zu Emonticons wie
, nicht-digitale Äußerungen zu Buchstabenfolgen wie YMMD LOL. Klar versteht man sich so im eigenen Zirkel und genauso klar verstehen das andere nicht. Die kulturelle Aussage von „YMMD“ ist nämlich zwiespältig: „Ich spreche nerdisch, damit ich von der Avantgarde meiner Mitnerds verstanden werde – und von anderen nicht!“. Der Web-Jargon hat immer noch etwas Elitäres und setzt von anderen, Etablierten, Bornierten etc. ab – was Spaß macht, aber die Möglichkeit zur Verständigung, zum Beispiel mit der inzwischen social-web-neugierigen Wirtschaftselite noch mal reduziert.
Lifestyle: Die Gadgetisierung des Lebens
Mir scheint, der Zweiklang zwischen neuer Software, die neue Hardware braucht, die neue Software braucht… ist für die Digitalisten in Wahrheit ein Dreiklang: Der persönliche Lifestyle verlangt nach der neusten Hardware, Software, die wieder einen neuen Lifestyle produzieren… Die Apples und Apps übernehmen die Prestige-Funktion, die Autos für die wirtschaftliche Führungsriege haben – nur dass die Verständigung per Automarke nur ziemlich banale Botschaften zulässt. Die Gadgets der digitalen Gesellschaft sind selbst Kommunikationsmedien, über die man sich als individuelle Persönlichkeit, nicht nur als Typ und Elitemitglied ausdrücken kann. Ich verstehe allerdings die Irritation vieler Wirtschaftslenker über die allgegenwärtige Gadgetisierung völlig: Wenn mitten im Gespräch permanent getwittert wird (z.B. dass man gerade im Gespräch ist…) verkommt jeder Dialog zum Patchwork und vor lauter Reputation wird der Dialog der realen Person entwertet. A propos Gadgetisierung: Motorisch kann sich natürlich kein Wirtschaftsweiser mit den flinken Fingern der Digitalisten vergleichen, womit wir das Neidmotiv auch abgehandelt hätten
Netzvielfalt: Ideologisch unideologisch
Das soziale Internet ist eine einzige „Passt-in-keine-Schublade-Schublade“. Die klassischen sozialen Paradigmen wie politisch-links, wirtschaftsliberal oder postfeministisch sind zwar digital präsent, aber sie trennen nicht mehr so, wie sie es in der Realwelt tun. Die Möglichkeiten zur Begegnung und zum Austausch sind im Netz zahlreicher und vielfältiger und ideologisches Silodenken ist deshalb viel weniger möglich. Mein persönlich größter Gewinn in der digitalen Gesellschaft ist das Überwinden von Gräben, weil es einfach keine realen Rollenmuster gibt, die einen vor-einnehmen könnten. Die einzige übergreifende Großideologie ist eine Kultur der Toleranz, die in Wirtschaftskreisen gerne als Ignoranz ausgelegt wird – nicht zuletzt, weil auch die eigene Ideologie des Marktes eine von vielen ist und kein Naturgesetz. In diesem Punkt ist das Social Web als Gesellschaftsform viel scheuklappenloser, als andere gesellschaftliche Bereiche. Soviel zur Scheuklappenwelt des Social Web. Viel zu viel, um schnell konsumiert zu werden und schlimmer noch, nur die halbe Wahrheit. Die andere über die Scheuklappen der Wirtschaftskreise findet Ihr auf dem Blicklog. Freue mich auf das gedankliche Mash-up!














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Nett geschrieben und manchmal wird das mit den Gadgets überall und in jeder Lebenslage wirklich übertrieben. Aber wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, oder Florian?
Gemach, aber warum sollte man sich nicht selbst kritisieren? Bin auch kein wirklich ernster Fall, hoffe ich
Mich interessiert, wie denn die Brücke zwischen der Wirtschafts- und der digitalen Welt aussehn könnte. 1,5 als Schnittmenge kann es ja wohl nicht sein und das würde die 2.0-Gemeinde auch gar nicht mitmachen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Scheuklappen in der Wirtschaftswelt im Vergleich immer noch stärker ausgeprägt sind. Finde den Beitrag von Blicklog auch wirklich gut. Viele interessante Einsichten.
@webnixe : Ich glaube die Brücke wird sich über konvergente Interessen und persönliche Begegnungen entwickeln: Die Wirtschaft entdeckt zunehmend sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Social Media und viele Social media Enthusiasten arbeiten an der wirtschaftlichen Verwertung ihrer Kenntnisse, z.B. als Gründer, Programmmierer von Social Software, etc..
Da beide Seiten unterschiedliche Kommunikationsgewohnheiten haben, werden sie sich nicht im Netz kennen lernen, sondern eher bei persönlichen Treffen. Ich erlebe immer wieder, dass der Brückenschlag bei randgesprächen von Konferenzen gelingt, z.b. dem letzten Innovation Campus. Im Zwischenmenschlichen Zuhören besteht meines Erachtens die größte Chance zur Verständigung. Alle anderen Kanäle bieten zuviel Speilraum für Vorurteile und Fehlinterpretationen.